11. Bericht vom 17.03.2015 – 24.03.2015

 

 

Km 20600 – 21600 Fahrzeit 345 – 368h

 

 

Kongo II

 

 

01Der Kongo von Kinshasa ausWeder mein Orientierungssinn, noch meine Kraft, noch die Maschine lassen mich im Stich. Gegen Mitternacht treffe ich ziemlich fertig wieder in Kikwit ein. 10 Stunden im Sattel und viele Stürze haben ihre Spuren hinterlassen. Ich pule noch die Reste des Absperrbandes aus den Kühlrippen und klopfe die schlammigen Klamotten aus, bevor ich mich auf den Balkon unseres Lieblingshotels fallen lasse und einschlafe. Die Tür ist offen, falls Gerd diese Nacht noch eintreffen sollte. Am nächsten Morgen ist der Wikinger zurück und sieht aus als hätte er auch keine angenehme Fahrt im Truck verbracht. Die BMW springt beim Druck auf den Starter auf wundersame Weise wieder an. Jetzt nur nie wieder ausschalten. Trotz Regen schwingen wir uns auf die Bikes und treten den Rückweg nach Kinshasa an. Der Regen wird stärker. Nach 10 Minuten gibt es kein trockenes Kleidungsstück mehr. Zum Glück habe ich alles Elektronische beim ersten Blick zum Himmel in Plastiktüten eingepackt. Da es verhältnismäßig warm ist, lässt es sich bis auf die begrenzte Sicht gut fahren. Nach den ersten Stunden passiert leider das Unvermeidliche. An einer steilen Schlaglochpassage geht der GS beim untertourigen Fahren die Puste aus. Sie springt jetzt nicht mehr an. Mal schauen wann der nächste Truck vorbeischaut. Nach kurzer Zeit hält ein Peugeot Kombi an und bietet seine Dienste an. Man könne das Bike aufs Dach schnallen und spritsparender als mit einem Truck nach Kinshasa kommen. Leider nur macht sich der Fahrer mit dem Vorschuss, den wir ihm geben um bei der nächsten Station auf zu tanken, aus dem Staub. Gerd wartet nun auf einen Truck, während ich mich auf meine Lady schwinge. Ich bin dankbar dafür, dass sie mich bei all den Strapazen nie im Stich gelassen hat. Vor der Dunkelheit ist Kinshasa nicht mehr zu erreichen. Den Vorstadtverkehr von Kinshasa zu meistern, verlangt nach den 500Km Fahrt nochmal volle Konzentration.

 

03Kongo im Sonnenuntergang

 

 

04Badminton im Garten der Wohnanlage von GeorgBei Wolfs Appartement werde ich trotz der späten Stunde vom Chef herzlich willkommen geheißen. Auch wenn dieser sich etwas wundert, was ich schon wieder hier mache. Georg und Leila sind ausgeflogen, weshalb mir das immer noch leerstehende Appartement nebenan zur Verfügung gestellt wird. Ohne Freunde hier in Kinshasa wäre ich mal wieder verloren gewesen. Das Gerücht, man könne sich nachts nicht sicher im Kongo bewegen, ist hiermit auch widerlegt. Die Menschen, die ich nach dem Weg gefragt habe, waren genau so freundlich wie 08Der Wikingertagsüber auch, nachdem ich den Motor abgestellt und mit einem „Ca Va?“ auf den Lippen den Helm abgezogen habe. Kurz bevor ich schlafen gehe, treffen auch die Eisenmengers wieder ein und heißen den verlorenen Sohn willkommen. In den nächsten Tagen wird sich nochmal in der netten Atmosphäre ausgeruht. Die Suche nach einer Lösung für das BMW-Problem und einer Alternativroute hält mich allerdings auf Trab. Da mein Visum auch in einer knappen Woche ausläuft, hat sich die Lubumbashi Route nach Sambia erledigt. Die einzige Alternative zur West-Ost Durchquerung besteht darin, im Süden des Kongos, bei der Hafenstadt Matadi, zu versuchen ein Angola Visum zu bekommen und die ehemalige portugiesische Kolonie zu durchqueren.

 

11Selbst gebacken09Georgs Brot ist immer ein GenussMit den Vorräten mit denen mich meine Gastgeber, als letzte Geste der unglaublichen Gastfreundschaft, eingedeckt haben, kann ich mich in einem abgelegenen Hotel einquartieren. Früh am Morgen geht es zum angolischen Konsulat Matadis. Zweieinhalb Stunden vergehen bis gegen 9:30 endlich Einlass ist. Von da an geht es sehr strukturiert und korrekt zu. Trotz der Tatsache, dass ich heute Geburtstag habe, gibt es weder Studentenrabatt, noch kann ich das Visum direkt ausgestellt bekommen. Reisepass, Kopien desselben, Geld und weitere Dokumente werden einbehalten. Morgen,gegen Nachmittag solle ich wiederkommen. Mit 5 Tagen Transitvisum ist zu rechnen. 100 Dollar. Halsabschneider.

14Geniale Strasse nach IngaDa ich keine Lust habe meinen Geburtstag in der dreckigen, überfüllten Hafenstadt zu verbringen, überquere ich am Nachmittag die Kongo- Brücke und lasse mich auf der kurvigen Straße gen Norden durch die Berge treiben. Das Ziel ist Inga, direkt am Kongo Fluss. Der Gedanke, eine Nacht an den größten Stromschnellen der Welt zu verbringen, reizt. Nachdem man eine Weile einer kleineren, geteerten Nebenstraße gefolgt ist, taucht plötzlich hinter einer der zahllosen Kurven eine Schranke auf. Wo mein „Permit“, meine Erlaubnis vom Tourismusministerium in Matadi wäre, fragt mich ein junger Militär. Das die Stromschnellen eine Sehenswürdigkeit sind, wurde mir erzählt, dass sie aber gleichzeitig, ein von der Regierung als Vorführprojekt für ausländische Investoren in Form eines gigantischen Wasserkraftwerks darstellen, war mir bis dato nicht bewusst. Scheinbar nimmt man das mit dem „Permit“ hier sehr ernst.

16Ein Teil der Inga StromschnellenIch steige ab, mir sicher, die Situation wie immer mit etwas quatschen regeln zu können.  Nach einer Weile habe ich die Herrschaften, außer dem Militär noch einen Polizisten und zwei private Securities, soweit, mich zumindest wieder nach Matadi zurück fahren zu lassen. Da fragt mich der Polizist nach meinem Pass. Nun wird’s kritisch. Pass, Kopien und alle anderen wichtigen Dokumente befinden sich im Konsulat und mein Kongovisum ist um Mitternacht offiziell abgelaufen. Der Polizist möchte mich der Immigrationsbehörde DGM übergeben, bei denen ich seit der Aktion im Hafen Kinshasas ohnehin keinen guten Ruf haben dürfte. Der junge Militär möchte mich gehen lassen. Nun kommt ein ganz anderer gefährlicher Aspekt zum tragen. Hier ist nicht endgültig geklärt, wer den Oberbefehl hat. Es kommt zum Streit und schließlich zu ernsthaften Handgreiflichkeiten. Die Stimmung ist unangenehm aggressiv. Der Militär brüllt mir zu, ich solle mich aus dem Staub machen, während er den Polizisten in Schach hält. Das lasse ich mir nicht zwei mal sagen, springe aufs Bike und hole zum kicken aus. Zu langsam. Der Polizist reißt mich vom Motorrad und krallt sich den Schlüssel. Der Militär scheint sich bewusst zu sein, dass er zu weit gegangen ist und so stehe ich jetzt in aller Einvernehmen unter Arrest. Ein kleines Bänkchen wird mir hingestellt und ich solle mich ab jetzt nicht mehr bewegen. So langsam wird mir etwas mulmig. Die Sonne nähert sich, während der langen Diskussionen in irgendeinem einheimischen Dialekt, gemächlich den Hügeln im Westen. Es kommt ein, wie sich beim Gespräch herausstellt, Kollege vom Kongolesischen Roten Kreuz. Er scheint meine Situation zu verstehen. Ich solle ihm 10 Dollar geben und er werde die Wogen glätten. Tatsächlich scheint sich die Stimmung wieder zu entspannen, ich darf mir wieder mein Wasser am Bike holen. Gehen lassen will mich hier aber trotzdem keiner. Vielleicht kann man aus dem Weißen ja noch ein wenig Geld herauskitzeln. Das wird nichts meine Freunde, denke ich mir, und lehne mich erstmal bei einer Banane zurück. Aus irgendeinem Grund eskaliert die Lage wieder und der Militär beginnt den Polizisten herum zu schubsen und ruft mir zu, ich solle aufstehen. Der Polizist deutet mit seiner Waffe auf mich und meint, ich solle sitzen bleiben. Das ist jetzt nicht mehr lustig. Hoffen wir einfach mal, dass die Polizei hier, wie in Kinshasa, einfach kein Geld für Munition hat. Um die Kurve kommen zwei Pickups mit bulligen Securities und ein schwarzer SUV. Der Kollege vom Kreuz zwinkert mir zu. Er hat im Hintergrund den Industriechef der Inga Kraftwerke angerufen. Die beiden hören sofort auf sich zu streiten und geben sich souverän. Vom Chef werden sie völlig ignoriert, er kommt auf mich zu, gibt mir einen festen Händedruck und lässt sich von mir erzählen, was vorgefallen ist. Ein Anruf von ihm beim Polizeichef und ich habe meinen Schlüssel vom Polizisten wieder. Die Immigration kontaktiert er auch. Ich solle mich morgen früh in Matadi bei ihnen melden, sonst werde man nach mir suchen. Ich sei wieder frei erklärt mir der Geschäftsmann mit einem freundlichen Lächeln. Ich verabschiede mich bei jedem einzelnen. Vergeben kann ich auch dem Polizisten, der genau genommen nur seinen Job gemacht hat. Was aber in einem derart kaputten und korrupten Staat nicht immer einfach ist.

 

12Matadi vom Noerdlichen Ufer des Kongos13Die Stadt lebt von ihrem HafenDie Vibrationen des Motors wieder zu spüren und den Wind im Gesicht zu haben ist ein schönes Gefühl. Diesen Geburtstag werde ich so schnell nicht vergessen. Mit der einkehrenden Dunkelheit wird ein Lager im Busch irgendwo in den Hügeln vor Matadi aufgeschlagen. Nach dem ausführlichen morgigen Training fahre ich gemütlich zum Konsulat. Gegen Mittag treffe ich dort ein und bin erleichtert keine Polizisten der Immigration dort an zu treffen. Die Kommunikation zwischen Checkpoints und Zentrale scheint wohl nicht so effektiv zu sein. Das Visum ist wie angekündigt gegen 14 Uhr fertig. Ich bekomme es mit allen Dokumenten direkt ausgehändigt. In weiser Voraussicht wurde natürlich vor Beantragung auf allen relevanten Dokumenten die Gültigkeit verlängert. Ob da nun 23.03. oder 28.03 steht ist nun auch nicht weltbewegend. Einen kleinen Geburtstagsstreich kann man sich schon mal gönnen, wenn einem sonst schon keiner was gönnt. Mit einem kräftigen Kick vor dem angolischen Konsulat hat die Immigration verloren. Voller Tank, volle Vorräte, volles Wasser und die Route zur Grenze wurde eben in der Wartezeit auswendig gelernt. „Fang mich wenn du kannst“.

 

11Hotel in MatadiDie Flucht und das zum Schluss sehr negative Bild des Kongos tut mir während der Fahrt etwas leid. Trotz aller Korruption, der Misswirtschaft und Willkür waren die „kleinen Leute“ wie immer sehr nett zu mir. Ich fühlte in den entlegenen Gebieten nie, in der Stadt selten eine Ablehnung wegen meiner Hautfarbe oder meines relativen Reichtums. Viele Freunde habe ich auch im Kongo gefunden. Dies bestätigt sich auch nochmal am Grenzübergang zu Angola. Ein netter Polizist nimmt mich an die Hand, führt mich vom Zoll zur Gendarmerie, zur Immigration. Nirgends wird nach Geld gefragt, höchstens wie ich ihr Land fand und was mir gefallen hat. Nach dem letzten Stempel reiße ich gerade ein paar Witze mit dem gut trainierten Polizisten über die kräftigen, weißen Touristen die gerade in ihrem 4x4 Truck ankommen, als mich der Chef der DGM zu sich beordert. „Guten Tag Herr Steinberg“ werde ich in gutem Deutsch begrüßt. Er habe einen Bruder in Deutschland und würde sich gerne mal wieder auf Deutsch unterhalten. Ich schlucke den Kloß im Hals herunter und muss lachen. Jetzt bin ich quasi in Angola. Ein netter Mann der Chef, ein netter Abschluss für den Kongo.   

 15Ich habe das Auenland gefunden